Woher kommt die Wut? Eine Story über Liebe und Anerkennung

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Bahnhof, Winter 2020: Ein junges Pärchen, das sich streitet. Das Mädchen nimmt seinen Arm, will ihn festhalten. Der Junge schüttelt sie heftig ab und stapft voller Wut davon. Das Mädchen rennt ihm hinterher, redet weiter auf ihn ein, fasst ihn wieder an. Wutentbrannt reißt er ihr den Arm weg, als könnte er ihre Nähe nicht aushalten. Die beiden verschwinden um eine Ecke.

Was auch immer das Thema des Streits gewesen sein mag: Wie kann der Junge in seinem frühen Alter schon so eine geballte Wut, ja, so einen geballten Schmerz in sich spüren? Woher kommt diese Aggression und die Unfähigkeit, die bloße Berührung seiner Freundin zu ertragen?

Wut ist eine Entscheidung. Aber diese Entscheidung rückgängig zu machen oder neu zu treffen, fällt ab einem bestimmten Punkt viel schwerer. Wenn sie im täglichen Verhalten so eingebrannt ist, dass sie das ganze Denken der Person beeinflusst. Das Problem ist dabei meist nicht so sehr das Außen: Was hat seine Freundin getan, dass er diese Wut spürt? Es ist vielmehr das Innen, das ihn unfähig zu machen scheint, sich dem Konflikt zu stellen und rational eine Lösung dafür zu finden.

Wert war früher vom Stand abhängig

Es scheint heute viele Menschen zu geben, die ihre Emotionen nicht zügeln und bewusst Entscheidungen über sie treffen können. Woran liegt das?

Früher war der eigene Selbstwert eng mit Stand oder Klasse verwoben. Ein bestimmtes Wertegefühl war jeder Person zugehörig. Ein Beispiel ist Stolz und Vorurteil: Der mögliche Darcy nennt die junge Frau Elizabeth nicht allzu hübsch. Heute für die meisten jungen Frauen ein Desaster. Elizabeths Selbstwert allerdings leidet überhaupt nicht darunter, weil sie weiß, dass es in der Partnersuche nicht auf ihre individuelle Schönheit, sondern auf ihren Stand ankommt. Ihr Wert ist gefestigt.

Den Wert selbst erschaffen

Unsere Gesellschaft ist noch immer auf Pflichterfüllung, wie sie früher war, ausgerichtet. Sprüche wie „Nimm dich selbst nicht so wichtig!“ oder „Für wen hältst du dich?“ sind nur 2 Beispiele für die vielen Formen der Pflichterfüllung. Früher mag das funktioniert haben – wie gut, ist die Frage – doch früher spielte auch das persönliche Glück keine große Rolle. Das beinhaltete aber eben auch, dass der Selbstwert keine so große Rolle spielte – er war ja schon da und musste nicht selbst aufgebaut werden.

Heutzutage aber ist die Gesellschaft absolut auf Einzigartigkeit ausgerichtet. Das gibt einerseits sehr viel Freiheit zur Entfaltung, führt aber auf der anderen Seite dazu, dass sich jeder selbst beweisen muss, um anerkannt zu werden. Dabei geht es nicht um die Anerkennung von anderen, sondern um die eigene Anerkennung für sich selbst. Doch das wissen die meisten Menschen nicht.

Heute wird fast alles bewertet. Wie viel bist du wert?, ist die Frage, die übergeordnet über allem steht. Ihre Unterfragen lauten: Wie gut bist du in der Schule? Wie erfolgreich bist du auf der Arbeit? Hast du einen großen Bekanntenkreis? Hast du eine funktionierende Partnerschaft? Mit wie vielen Menschen hattest du Sex? Daraus ergibt sich in den Augen vieler der individuelle Wert einer Person.

Bewertung durch andere

Die meisten richten sich hier nach der Bewertung der anderen. Wenn die Mutter den Jungen bestraft, weil er eine 5 in Mathe hat, brennt sich beim Jungen der Gedanke ein: „Ich muss gut in Mathe sein, sonst bin ich nichts wert.“ Und weiter, wenn die Mutter den Jungen das nächste Mal belohnt, weil er eine 3 geschafft hat: „Ich bin nur wertvoll, wenn ich gute Noten schreibe.“

Die Folge ist, dass der Junge jedes Mal 3 Wochen vor einer Mathearbeit zu büffeln beginnt, damit er mit Ach und Krach eine halbwegs gute Note schafft. Und das, obwohl er Mathe schrecklich findet und es ihm überhaupt nicht liegt. Das führt aber auch dazu, dass Deutsch vernachlässigt wird. Etwas, was dem Jungen eigentlich sehr gut liegt, aber jetzt nicht weiter gefördert werden kann, seine ganze Energie fließt ja in Mathe.

Natürlich wird der Junge nie gut in Mathe. Er konzentriert sich aber voll darauf und ist trotzdem enttäuscht, wenn der Sitznachbar mit 2 Tagen Lernen eine 2 schafft. „Ich werde nie so gut sein wie er!“ Minderwertigkeit entsteht. Und Wut. Der ständige Vergleich über eine Ebene, die der Junge überhaupt nicht erbringen kann, führt schon früh zu Frust.

Entwicklung eines negativen Selbstbilds

Das ist nur ein Beispiel, wie der Junge lernt, sich über andere zu bewerten und anzuerkennen. Das eigene Bild wird negativ geprägt. Der natürliche Drang, in seinen eigenen Stärken besser zu werden und sich weiterzuentwickeln, wird gestört durch von außen auferlegte Muster. Es entsteht ein negativer Minderwertigkeitskomplex, der immer tiefer wurzelt. Sein Begleiter: Die Wut.

Der Junge lernt, sich auf seine Schwächen zu konzentrieren. Er entwickelt ein negatives Selbstbild und geht mittlerweile hart mit sich ins Gericht. In Gedanken spricht er sehr schlecht über und mit sich selbst. Beim Sportunterricht ist er besonders hart zu sich. Mittlerweile hat er bei Mathe vollkommen dicht gemacht, da blickt er gar nichts mehr und es interessiert ihn auch nicht mehr. Er kriegt davon ja eh nicht mehr, was er will. Lob gibt es zuhause kaum noch, weil seine Mutter die ganze Zeit gestresst ist und kaum noch Augen für ihn hat. Da ist er auch ein bisschen froh, wenn er das Zeugnis mit der 5 noch vor ihr verstecken kann.

Trotzdem hofft er insgeheim noch auf die Anerkennung der Mutter, und ja, vielleicht auch mal die des Lehrers. Warum? Er hat gelernt, Anerkennung von anderen zu brauchen. Als Kind war er abhängig davon, dass andere sich um ihn kümmern. Das macht nun keiner mehr, und dass er jetzt selbst in der Lage ist, sich um sich zu kümmern, hat der Junge nie gelernt. Wie denn auch, wenn die Mutter es ihm nicht vormacht?

Die Eltern machen es vor

Von seinen Eltern lernt der Junge außerdem, dass er nicht gut auf sich selbst achtet und mit seinen Gefühlen hinterm Berg halten soll. So machen seine Eltern es vor, denn so haben auch sie es gelernt. Statt ruhig beim Abendessen über Konflikte zu sprechen, explodiert seine Mutter urplötzlich und beginnt, ihren Mann anzuschreien. Dass sie wochenlang runtergeschluckt hat, dass es ihr wegen der Wechseljahre nicht gut geht, dass sie zu viel gearbeitet hat und zuhause niemand mit anpackt, interessiert dann niemanden mehr. Im Gegenteil, mit der Zeit werden ihre Wutausbrüche sogar ignoriert.

Das alles und mehr saugt der Junge auf. Er beginnt, aus der Reihe zu tanzen, um irgendwie doch noch Aufmerksamkeit zu bekommen. Das geht mit kleinen Streichen los und endet in selbstverletzendem Verhalten wie der ständigen Wut. Damit kann er seiner Mutter richtig eins auswischen. Sie ist Schuld und sie hat sich schlecht zu fühlen, denn sie war ja keine gute Mutter. Dass sie selbst völlig überfordert ist und ein sehr negatives Selbstbild hat, sieht der Junge nicht.

Warum liebt ihr mich nicht?!“

Kurzzeitige Aufmerksamkeit funktioniert, aber es ist bald keine positive Aufmerksamkeit mehr. Der mindere Wert, den der Junge verspürt, wechselt bald zum Überlegenheitsgefühl. Er ist scheinbar besser als alle anderen und die anderen brauchen ihm nichts zu erzählen.

Er wertet dabei nicht mehr nur sich, sondern auch andere ab. „Die sind es nicht wert“, denkt er, aber unterbewusst auch: „Ich bin es nicht wert.“ Er kapselt sich immer mehr von anderen ab, bis sie ihn gar nicht mehr erreichen. Lobende Worte, wenn sie dann mal fallen, kann er nicht mehr annehmen. Körperliche Nähe schon lange nicht mehr. Denn beides tut weh. Der Junge spürt nur noch den ständigen Vorwurf gegenüber anderen: „Warum kümmert ihr euch nicht um mich?! Warum liebt ihr mich nicht?!“

Wut: eine Schutzbarriere gegen sich und andere

Wut und Aggression sind mittlerweile die Folge und verhärten sich von Tag zu Tag mehr: „Niemand achtet auf mich, niemand sieht mich und kümmert sich um mich.“ In jedem Menschen sieht er was Schlechtes und denkt: „Die wollen mir eh alle nur Böses! Meine Freundin hat das doch absichtlich gemacht. Sie soll nicht wissen, wie es mir wirklich geht! Sie soll mich nicht anfassen!“

Er weiß nicht, dass er diese Schutzbarriere gegen sich und andere aufgebaut hat, damit alle Gefühle dort bleiben, wo sie sind: Eingeschlossen in ihm. Erst später wird ihm klar, dass er unterbewusst dachte: „Wer weiß, was sie von mir denkt, wenn sie mich wirklich kennenlernt. Dann verlässt sie mich bestimmt, wenn sie sieht, wie wertlos und schwach ich bin.“ Jede Entschuldigung prallt an ihm ab, weil er sie schon lange nicht mehr annehmen kann. Wie denn auch, wenn er sich nicht selbst seinen scheinbar minderen Wert entschuldigen kann?

Der endgültige Bruch

Eines Tages ist es dann so weit. Auch der letzte Mensch, auf den er vertraut hat, verabschiedet sich von ihm. Seine Freundin macht Schluss mit den Worten „Du bist mir zu negativ! So habe ich dich nicht kennengelernt.“ – „Aber …!“ – „Es ist aus.“

Drei Wochen später ist der Junge immer noch todunglücklich, heimlich natürlich. Er kauft sich mit traurigem Gesicht beim Bäcker ein Brötchen für die Schule, die er mittlerweile schon hasst. Hinter ihm steht eine junge Frau und beobachtet ihn dabei. Nachdem auch sie ihr Brötchen gekauft hat, fragt sie ihn, wo die nächste Toilette ist. Sie kommen ins Gespräch.

Der Junge ist überrascht, wie wohl er sich gleich in ihrer Nähe fühlt. Sie ist eine starke, unabhängige Frau, die jedoch ganz viel Wärme und Verständnis in sich trägt. Gierig saugt der Junge das auf. Spontan gehen sie am Bahnhof einen Kakao trinken. Die Frau erzählt ihm, dass sie in einem Verlag arbeitet. Schüchtern erzählt der Junge, dass er Deutsch auch sehr gerne mag. Sie lacht und fragt: „Hast du Lust, dir den Verlag mal anzuschauen? Vielleicht interessiert dich da ja was.“ Erst bei der dritten Aufforderung sagt er widerwillig zu.

Mit Selbstliebe und Anerkennung gegen den Kreislauf der Wut

Woher kommt die Wut? Es ist ein langer Prozess von ungesunden Lebensweisen, die dem Jungen vorgelebt worden sind und werden. Ein Kreislauf. Und es ist sehr schwierig, diese Abwärtsspirale zu durchbrechen. Der Junge konnte sich auch nicht wirklich weiterentwickeln. Dadurch, dass alle Gefühle von einer dicken Schutzmauer umgeben in ihm festgesteckt haben, konnten sie sich nicht verändern. Dafür müsste zuerst der Damm eingerissen werden, um eine Möglichkeit der Bewegung zuzulassen.

Die Gefühle mussten raus. Dann kann es an den Neuaufbau gehen. Der Junge kann nun lernen: „Ich bin alt genug. Ich kann mir selbst Liebe und Anerkennung schenken. Ich brauche das nicht mehr von den anderen. Ich bin bei mir selbst und sorge mich um mich selbst.“ Erst dann kann er anfangen, sich um die anderen zu sorgen. Um seine Mutter zum Beispiel.

Unabhängig von der Meinung und Anerkennung anderer

Der junge Mann wird damit unabhängig von der Meinung und Anerkennung anderer. Er muss nicht mehr gut in Mathe sein, denn er hat ja jetzt entdeckt, dass Deutsch ihm besonders gut liegt, und macht jetzt ein Praktikum bei dem Verlag. Später möchte er Lektor werden. Deshalb strengt er sich an, um sein Abitur zu schaffen und studieren zu gehen, und erreicht in Mathe sogar eine 4 auf dem Zeugnis. Gut, für seine Mutter ist das immer noch zu wenig. Aber das ist ihm nicht mehr so wichtig, weil er sich stark auf das Praktikum konzentriert und dort auch besonders viel gelobt wird. Die Verlagsleute mögen ihn sehr. Viel wichtiger ist aber, dass der junge Mann sich selbst mag. Die Verlagsleute, gut, mit denen verbringt er Zeit während des Praktikums. Aber mit sich selbst verbringt er sein ganzes Leben, und das ist das Einzige, was zählt.

Zu seiner alten Freundin hat er keinen Kontakt mehr. Er findet das zwar schade, dass sie nicht mit ihm zusammen den Weg weitergehen konnte, aber richtet den Blick trotzdem nach vorne. Gerade datet er ein süßes Mädchen, das in einer Redaktion Praktikum macht und später Journalistin werden möchte. Er will sie heute fragen, ob sie seine Freundin sein will.

Hat dir die Story vom Jungen gefallen? Erkennst du andere oder sogar dich darin wieder? Kennst du persönliche Lebensgeschichten, die so verlaufen sind? Schreib mir gerne, ich freue mich über jedes einzelne Feedback!

Hier geht’s weiter mit Selbstliebe und Anerkennung.

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