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Realistische Selbstverteidigung? Mein erstes Wing Tsun-Training

Wing Tsun

Lesezeit: 6 Minuten

Kampfkunst ausüben. Für mehr Fitness, Selbstbewusstsein und Achtsamkeit. Das war mein Ziel, nachdem ich Kung Fu ausprobiert und mich letztlich aus unterschiedlichen Gründen dagegen entschieden habe (hier kannst du meine erste Trainingsstunde mitverfolgen). Trotzdem wollte ich die Kampfkünste nicht aufgeben. Deshalb hatte ich mich heute für ein alternatives Probetraining in einer Wing Tsun-Akademie angemeldet.

Wing Tsun ist eine abgewandelte Form von Kung Fu, allerdings, so stand es auf der Website meines neuen Trainingsortes, auch besonders für Frauen geeignet. In 3 Monaten soll ich verteidigungsfähig sein, laut Internet „realistische Selbstverteidigung“. Ich war gespannt, dieses Mal aber nicht mehr ganz so aufgeregt wie bei meinem ersten Kung Fu-Training, und rechnete auf jeden Fall wie beim Kung Fu mit einem enorm anstrengenden Training.

Mein erstes Wing Tsun-Training – der Start

Ich fand das Wing Tsun-Center sofort. An einem warmen Samstagmorgen stand die Tür offen und drinnen wartete freudestrahlend ein Trainer auf mich: Lange Haare, zu einem Zopf zusammengebunden, und eine sehr sympathische, offene Ausstrahlung, bei der ich mich direkt wohlfühlte. Im Raum warteten auch weitere Teilnahmewillige.

„Hi, ich bin Sabrina“, stellte ich mich vor. „Schön, dass du da bist, Sabrina!“, begrüßte mich der Trainer und stellte sich als Michael vor. „Ich zeige dir mal die Umkleiden, komm mit.“ Ich konnte mich in Ruhe umziehen und mich anschließend mit den anderen Schüler*innen im Trainingsraum versammeln.

Der Trainingsraum erinnerte mich mit seiner riesigen Spiegelwand an ein Tanzstudio. Allerdings war der Boden fast komplett mit großen, farbigen Matten ausgelegt. Wir waren circa 8 Schüler*innen und positionierten uns alle versetzt auf den Matten. „Zuerst verbeugen wir uns vor unserem Lehrer …“, dirigierte Michael (er verbeugte sich vor einem imaginären Lehrer), und dann, nochmal zu uns gedreht: „… und voreinander.“ Direkt danach klatschten alle mit einer Faust und einer flachen Hand ineinander.

Vor dem Spiegel: Bewegungsabläufe lernen

Die erfahreneren Schüler*innen begannen, unterschiedliche Bewegungsabläufe zu praktizieren, während Michael zu mir kam und mir einen ersten Bewegungsablauf zeigte. Alle standen versetzt, schauten in den Spiegel und machten ihre Bewegungen. Michael zeigte mir: Arme kreuzen, Arme gekreuzt nach unten, Arme wieder hoch. Ellenbogen nach hinten ziehen, Faust machen. Eine Faust vor, Schlag, Hand öffnen, abrollen, Arm wieder ran. Andere Seite. Dann wieder Arme kreuzen, Arme runter, Arme wieder hoch.

„Versuche es mal alleine“, sagte Michael mir nach ein paar gezeigten Durchgängen. Das fiel mir gar nicht so leicht, diese ungewohnten Bewegungsabläufe jedes Mal aufs Neue abzurufen. Ich musste mich schon sehr konzentrieren, aber schließlich klappte es ganz gut.

Es war währenddessen totenstill im Raum, jeder war in seine eigenen Bewegungsabläufe vertieft. Fast ein bisschen unbehaglich. Wir hatten uns auch nicht mit Joggen oder ähnlichem aufgewärmt, so wie ich es vom Kung Fu kannte. Ich vermutete, diese Bewegungsabläufe waren unser Aufwärmtraining. Sie hatten etwas Meditatives an sich.

Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau

Nach einiger Zeit – ich hatte keine Ahnung, wie viel Zeit – trommelte Michael uns wieder zusammen und es ging direkt ans Mann gegen Mann- oder Frau gegen Frau-Training. Ich hatte nicht mit dieser direkten Konfrontation gerechnet, sondern eher damit, dass wir verschiedene Übungen lernten, die wir vielleicht irgendwann mal gegen eine andere Person einsetzten.

Hier ging es allerdings gleich zur Sache. Michael paarte mich mit einer schon erfahreneren Schülerin. Die Konstellation bei den verschiedenen Übungen war immer gleich: Eine „greift an“ (zum Beispiel mit Handgelenk festhalten, „Schubsen“ oder einem Schlag), die andere soll sich verteidigen.

Wing Tsun Hand Faust

Zuerst ging es darum, die Handgelenke der anderen festzuhalten. Am Anfang traute ich mich gar nicht, bei den Handgelenken meiner Partnerin wirklich fest zuzupacken, doch die Hemmungen legten sich erstaunlich schnell. Mit wenigen Bewegungen konnte sie eine Hand losreißen, und während ich ihre andere Hand noch festhielt, konnte sie mir schon einen Fauststoß gegen die Brust oder das Kinn verpassen.

Natürlich alles zu Übungszwecken noch „sanft“. Trotzdem war es für mich ein sehr komisches Gefühl, dass mich jemand körperlich „trifft“. Auch mit ein bisschen mehr Wucht als ein kleiner Stupser. Ich spürte in mir Überraschung, Widerstand und vielleicht auch ein bisschen Aggressivität, dass mein Körper angegangen wird.

Wing Tsun-Übungen ganz intuitiv

Wir wechselten regelmäßig durch. Wenn sie mich angriff und ich mich mithilfe einer Wing Tsun-Übung verteidigte, fühlte es sich erstaunlich intuitiv an. Ich hatte relativ schnell den Dreh raus, welche Bewegung ich machen musste, um nicht nur nicht von ihr getroffen zu werden, sondern direkt zu kontern.

Das Spektrum reichte von verschiedenen Übungen wie Handgelenk-Festhalten bis zu Schlagen oder Treten. Ich spürte, wie ich auch etwas energischer wurde. Es machte mir tatsächlich sehr viel Spaß, auszuteilen, während mir das Einstecken schon zu schaffen machte. Das Austeilen aber fühlte sich stark und intuitiv an, als hätte mein Körper nur darauf gewartet. Ich musste für mich selbst aufpassen, nicht zu energisch zu werden.

Der Fokus lag hauptsächlich darauf, wie ich mich verteidigen kann, wenn jemand mein Handgelenk festhält, oder wenn mich jemand frontal wegstoßen will: Stoß, stoßen lassen, nach den Armen des Gegners greifen, ranziehen, Tritt in den Bauch. Oder aber kurz vor dem Stoß Arme hochwerfen, Arme des Gegners auseinanderdrücken, Nacken des Gegners umgreifen, ran- und runterziehen, Tritt in den Bauch.

Praxisbezogener Nahkampf

Das Training war sehr praxisbezogen. Es ging immer darum, dass du dich direkt verteidigen kannst, wenn dich jemand in einem Ernstfall angreift. Keine theoretischen oder meditativen Übungen, sondern wirklich Nahkampf und Selbstverteidigung.

Mir fehlte allerdings ein bisschen der spirituelle beziehungsweise eben theoretische, achtsame und meditative Teil, den ich von meinem Kung Fu-Training kannte. Aber ich spürte trotzdem wieder die innere Energie und die innere Verbundenheit zu mir selbst, auch wenn es auf andere Weise als bei den theoretisch-meditativen Übungen ohne direkten Trainingspartner war. Es fühlt sich nach Stärke, Selbstbewusstsein und innerer Verbundenheit an, diese Übungen auszuführen.

Meine Partnerin gab mir auch direkt ein paar Basics mit: Verliere nicht dein Gleichgewicht, wende dich nicht vom Gegner ab oder „hart auf weich – weich auf hart“. Ansonsten gab es jedoch wenig geistlichen Input, es ging immer um die körperliche Verteidigung.

Zwischendurch schaute immer mal wieder Michael vorbei und kontrollierte, was wir so machten. Das Schema war in der Regel: Ausweichen, Schlag und manchmal ein Tritt. Bis auf eine Übung, die mir irgendwie unangenehm nah vorkam, fühlten sich die Übungen sehr gut für meinen Körper an.

Das Training war rasend schnell vorbei. Ich hatte direkt einige Manöver gelernt, mit denen ich mich verteidigen konnte. Nach 1,5 Stunden fanden wir uns wieder in der Gruppe zusammen und verbeugten uns erneut vor dem Meister und vor einander. Anschließend fackelte ich nicht lange, sondern machte direkt Nägel mit Köpfen und meldete mich für das Training an. Es fiel mir verhältnismäßig leicht, auch wenn ich mich in der Regel schwer damit tue, mich zu etwas zu verpflichten.

Wing Tsun: Realistische Selbstverteidigung praxisnah

Das Training ist relativ günstig: “Für 49 Euro im Monat kannst du zweimal die Woche flexibel trainieren, für 5 Euro mehr dreimal die Woche kommen, und für nochmal 5 Euro mehr so oft wie du willst”, erklärte mir Michael. Jeden Tag, bis auf Freitag und Sonntag, wird Training für die Erwachsenen angeboten. Auch Escrima, Chi Kung oder andere Kampfsportarten stehen als Angebot bereit, aber ich hatte mich jetzt fürs Erste für das Wing Tsun entschieden.

Jetzt, wo ich diesen Text veröffentliche, war ich auch schon vier weitere Male wieder da. Die Hürde des Aufraffens ist für mich erstaunlich niedrig, weil es zwar durchaus viel Bewegung und manchmal auch ein bisschen anstrengend ist, aber es mich nicht an meine körperlichen Grenzen bringt und ich nach dem Training nicht komplett erschöpft bin. Eine gute Mischung, wie ich finde.

Und ist Wing Tsun jetzt realistische Selbstverteidigung, für Frauen besonders geeignet? Nach nur wenigen Trainingsstunden kann es natürlich nicht endgültig sagen. Aber auf jeden Fall sind die Übungen sehr praxisnah und unterstützen die eigene intuitive Verteidigung bei einem geringen Kraft- und Gewaltaufwand.

Tatsächlich nehmen jedoch in der Wing Tsun-Akademie mehr Männer als Frauen diese Kampfkunst in Anspruch. Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch sagen: Keine Scheu, egal welches Geschlecht! Wenn du dich dafür interessierst, probiere es einfach aus. Vielleicht begeistert es dich so wie mich.

Herzlich, Sabrina

Jetzt bist du dran? Hat dir dieser Text Lust auf Wing Tsun gemacht? Bist du schon im Training? Berichte mir gerne, ich freue mich!

Hier findest du übrigens erste Informationen zu Wing Tsun!

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