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Psychographie: Dein und das Verhalten anderer besser verstehen

Psychographie

Lesezeit: 7 Minuten

Wer kennt es nicht: Dein Gegenüber handelt für dich mal wieder völlig unverständlich. Er zieht sich wortlos zurück, bricht plötzlich in Tränen aus oder wettert ganz unvorhergesehen los. Aber vielleicht kennst du von dir selbst auch die ein oder andere Verhaltensweise, die du manchmal nicht verstehst. Dann kann ich dir jetzt eines versprechen: Am Ende dieses Textes wirst du nicht nur dich selbst, sondern auch andere besser verstehen und einschätzen können.

Das klingt jetzt sehr hoch gegriffen. Genau das habe ich auch gedacht, bevor ich auf den informativen und super aufbereiten Podcast von Beziehungscoach Claudia Bechert-Möckel gestoßen bin. In diesem Podcast behandelt sie das große Versprechen, das ich dir hier mache: die Psychographie nach Dietmar Friedmann. Noch nie von gehört? Dann lies weiter! Es lohnt sich!

Psychographie? Was soll das sein?

1990 veröffentlichte Friedmann das Werk „der Andere“, in dem er das Psychographie-Modell erstmals vorstellte. Er beschreibt es als eine Art „Landkarte der Persönlichkeit“. Alles, was mit den Persönlichkeiten (also dir und mir) zu tun hat, erfordert entweder denken, handeln oder fühlen. Jeder Mensch besitzt diese drei Eigenschaften. Und jede Person entwickelt im Laufe seines Lebens einen Favoriten. Eine Art „Lieblingsstrategie“, auf die die Person am häufigsten zurückgreift. Diese „Lieblingsstrategie“ bezeichnet Friedmann als „Naturell“.

Auch du hast eine „Lieblingsstrategie“, die dich immer unterstützt – und manchmal auch zu viel des Guten will. Denn eine Übertreibung kann zu Problemen führen, die vor allem in zwischenmenschlichen Interaktionen auftreten. Friedmann lädt dich somit nicht nur dazu ein, dich und andere besser zu verstehen, sondern auch, deine persönlichen Probleme aufzudecken und ein Stück weit zu lösen. Das ist das Tolle an der Psychographie! Du wirst viel besser verstehen, warum du und andere so denken, fühlen und handeln, wie sie es tun. Und was deine und ihre persönlichen Stärken und Herausforderungen sind.

Psychographie zeigt Tendenzen auf

Soviel zur Theorie. Jetzt geht’s ans Eingemachte. Es gibt den sogenannten „Beziehungstypen“, der sich vor allem auf das Fühlen spezialisiert hat. Dann den „Sachtypen“, der – logisch – sich vor allem auf das Denken verlässt. Und dann den „Handlungstypen“, also den „Macher“ unter uns. Wie genau diese Typen TENDENZIELL aussehen, welche Stärken und Herausforderungen sie zu meistern haben, erfährst du im Folgenden.

Beachte vorab: Das sind natürlich nur grobe Kategorisierungen, die keinen Menschen 1 zu 1 beschreiben. Du solltest das Psychographie-Schema nur als Orientierung verstehen. Es gibt jede Menge Abstufungen und Mischformen. Zum Beispiel werden Frauen eher in Richtung Gefühl erzogen, während Männer zum Handeln („Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“) tendieren sollen. Trotzdem gibt dieses Schema sehr viel her, und sicherlich wirst du dich auch in einem wiederfinden. Mich jedenfalls hat es sehr beruhigt, davon zu hören – dieses Labeling hat mir gezeigt, dass ich keineswegs allein bin mit meinen manchmal „komischen“ Verhaltensweisen. Und vor allem meinen Problemen, die manche Menschen einfach nicht nachvollziehen können.

„Eigentlich weiß ich gar nicht, wer ich bin und was ich möchte.“

Der Beziehungstyp: seine Stärken

Kommen wir zum ersten Naturell, dem Gefühls- oder Beziehungstyp. Der Beziehungstyp ist ein „Strahlemenschen“. Er hat eine starke Ausstrahlung, zieht Menschen an, ist offen, anpassungsfähig, engagiert, hilfsbereit, begeisterungsfähig und kontaktfreudig. Er kann auch ein bisschen naiv sein. Er ist ideenreich, kreativ, verspielt, optimistisch und vielseitig interessiert. Durch seine starke Ausstrahlung, seine attraktive, anziehende und kommunikative Art fällt er schnell auf. Er hat meist einen großen Freundes- und Bekanntenkreis und beweist ein großes Einfühlungsvermögen sowie einen guten Geschmack. Er möchte verstanden und freundlich behandelt werden.

Seine Herausforderungen

Sein größter Anspruch ist, gut bei anderen anzukommen. Dadurch nimmt er ALLES persönlich, bezieht es auf sich und fühlt sich schnell schuldig. Er neigt dazu, sich zu sehr an andere anzupassen und es allen recht machen zu wollen. Deshalb kommt er häufig selbst zu kurz und kann sich schlecht abgrenzen. Vergleichen ist da natürlich vorprogrammiert, besonders bei dem besonders hohen Anspruch an sich selbst, den Außenstehende selten sehen. Da kann es schon mal vorkommen, dass er auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzt und dadurch unzuverlässig oder verschwenderisch wird.

Zugleich ist seine Wahrnehmung sehr intensiv und emotional. Deshalb kann er auch ORDENTLICH leiden, sodass es jeder mitbekommt. Im nächsten Moment kann er aber wieder bester Laune sein. Er hasst trockene und gleichförmige Aufgaben und braucht stattdessen Entwicklung und Herausforderungen. Seine größte Angst ist es, nicht geliebt zu werden, hilflos, verstoßen oder einsam zu sein.

Was dem Beziehungstypen guttut:

Das klingt verdächtig nach: Zurücklehnen. Gelassenheit an den Tag legen. Grenzen setzen lernen. Nicht so impulsiv handeln, sondern nachdenken. Und sich selbst wichtig nehmen und begreifen: Ich bin gut so, wie ich bin! Der Beziehungstyp darf lernen, auch mal „unbequem“ zu sein. Dann gibt es auch weniger Grund, dass sein starker Fluchtreflex und seine bockige Art durchkommt, wenn etwas mal nicht wie gewünscht läuft. Er darf seinen eigenen Anspruch und seine Jagd nach Anerkennung herunterschrauben. Kritisches Hinterfragen lernt er meistens erst durch negative Erfahrungen. Außerdem darf er seine Liebe zum Detail entdecken und seine Fähigkeit, loslassen zu können, ausbauen.

„Vielleicht.“

Der Sachtyp: die Stärken

Das zweite Naturell hingegen ist das Denken. Der Sachtyp „wirkt meistens auf den zweiten Blick“, wie Bechert-Möckel sagt. Er ist in der Regel etwas stiller und zurückgezogener und klar, denkt sehr viel über seine Handlungen nach. Er ist freundlich, gelassen und nimmt gerne eine Beobachter-Rolle ein. Er liieebt Sicherheit. Dadurch kann er auch sehr tiefe Gefühle entwickeln, die natürlich erstmal vom Kopf abgecheckt werden. Er lässt anderen sehr viel Raum, hat eine hohe Reizschwelle, kann gut zuhören und liebt Beständigkeit, Klarheit und Konstanz, was ihn sehr zuverlässig macht. Wenn er für etwas brennt, dann aber richtig. Er kann wunderbar ausgleichen, ist verständnisvoll, treu und lässt sich nicht von irgendwelchen Launen durchrütteln wie der Beziehungstyp. Er will gehört und vernünftig behandelt werden.

Seine Herausforderungen

Deshalb liegt seine Herausforderung auch in der Veränderung und im Handeln. Bis ein Sachtyp handelt, kann sehr viel Zeit vergehen. Dafür verantwortlich sind seine Detailliebe, sein langes Überlegen und der Drang, Dinge auszusitzen. Dadurch hat er einen Hang zum Pessimismus: Das Leben „passiert ihm“. Durch seine leisen Signale und langsame Art wird er manchmal übersehen und überholt, was zugleich seine größte Angst ist.

Wenn er sich bedroht fühlt, kann er plötzlich ganz schön spitz und treffsicher austeilen – und wenn nicht, dann mauert er ordentlich, sodass man überhaupt nicht mehr an ihn herankommt. Er leidet dabei sehr unauffällig und kann im schlimmsten Fall distanziert, kühl oder sogar arrogant wirken. Er öffnet sich nur eng Vertrauten in einer Wohlfühl-Atmosphäre. Seine Sturheit, zum Beispiel immer eigene Wege gehen zu müssen, kann dabei für andere Typen manchmal ganz schön anstrengend sein.

Was dem Sachtypen guttut:

Sich groß machen. Er darf ins Handeln kommen, weniger argumentieren und Ausreden suchen, warum alles nicht funktioniert. Er darf seinen Standpunkt vertreten lernen, ein Risiko eingehen und endlich klare Entscheidungen treffen. Intensives Sporttreiben tut ihm gut, um aus dem „Denkkarussell“ auszubrechen. Generell darf er lernen, das Steuer wieder selbst mehr in die Hand zu nehmen. Auch braucht er nicht immer alles mit sich selbst ausmachen. Und er darf begreifen, dass negative Erfahrungen nicht auch in Zukunft negativ sein müssen. Er darf an seiner Kritikfähigkeit arbeiten und lernen, loszulassen. Und er darf super stolz auf sich sein, wenn er etwas geschafft hat!

„Was muss ich machen?“

Der Handlungstyp: die Stärken

Das dritte Naturell ist der Handlungstyp. Er ist der Macher und hat ein Ziel vor Augen. Er sieht die Welt praktisch, besitzt eine natürliche Autorität und strahlt Stärke aus. Verantwortung übernimmt er gerne, die er mit Kraft, Elan, Wille, Pflichtbewusstsein und einem stark ausgeprägten Sinn für Fairness, Konfliktvermeidung und Lösungen super trägt. Er denkt logisch, strukturiert und redet nicht lange, sondern packt Dinge an. Er ist zuverlässig, nicht nachtragend, impulsiv und spontan, kann sich gut abgrenzen und hält andere Neins aus. Besonders zeichnet ihn seine ausgeprägte Wettbewerbsorientierung aus. Er ist großzügig, hat gerne Freunde um sich und kann viel einstecken. Trotz seiner rauen Schale will er als der liebevolle Mensch gesehen werden, der er ist. Seine Liebe zeigt er durchs Tun.

Seine Herausforderungen

Die Konsequenz ist, dass sich der Handlungstyp auch gerne mal übernimmt. Die Arbeit ist für ihn der Mittelpunkt, für den er auch gerne über die eigenen Grenzen hinausgeht. Er ist streitlustig, immer kampfbereit und denkt generell von sich, im Recht zu sein. Deshalb weist er auch andere gerne mal zurecht. Er ist manchmal sehr kritisch, polternd und hartherzig. Im Streit kann er manchmal vernichtende Kritik üben, wobei er hinterher nicht versteht, warum sein Gegenüber so gekränkt ist.

So leidet auch der Handlungstyp. Kaum jemand kommt bei seiner borstigen und autoritären Art auf die Idee, dass er gerade leidet. Hier verlangt er nach einem starken Gegenüber, das sich von seiner fast schon angsteinflößenden Ausstrahlung nicht einschüchtern lässt und seinen Raum hält. Das weiß der Handlungstyp zu schätzen. Auf der anderen Seite ist seine größte Angst, eingeschränkt zu werden.

Was dem Handlungstypen guttut:

Er handelt und weiß direkt, was anderen guttun würde. Deshalb darf er lernen, sich auch manchmal zurückzuhalten, nicht immer sofort eine Lösung parat zu haben und mehr Einfühlungsvermögen zu zeigen. Besonders hilfreich ist es, wenn er versteht, dass nicht jeder seine energische Art nachvollziehen kann. Er darf lernen, seine Liebe und Fürsorge ab und zu auf andere Weise zeigen. Auch hat er selbst oftmals keinen engen Kontakt zu seiner eigenen Gefühlswelt, den er ausbauen darf. Er darf lernen, seine Gefühle stärker zu zeigen und eigene Schwächen zu akzeptieren. Und er darf auch anderen Dingen als der Arbeit wieder mehr Raum geben: Leichtigkeit, Spaß, Kreativität können gerne stärker fokussiert werden. Nicht alles muss ausschließlich praktischen Nutzen haben.


Und, hast du dich in einem der Psychographie-Typen erkannt? Oder deinen Partner? Deine Freunde? Sicherlich wirst du jetzt besser verstehen können, warum du oder jemand anderes in einer bestimmten Situation so „komisch“ gehandelt hat. Warum manchmal Konflikte entstehen, von denen man gar nicht genau benennen kann, was einen gerade stört. Denn generell hat jedes Naturell ganz liebevolle und tolle Eigenschaften – schwierig wird’s nur, wenn sie in unpassenden Situationen zu stark die Oberhand übernehmen.

Die Kunst ist, dass jeder Typ lernt, seine spezifische Lieblingsstrategie wenn nötig ein bisschen in die Schranken zu weisen. Denn jeder von uns trägt alle 3 Handlungsoptionen in sich. Nicht immer sind emotionale Reaktionen angebracht. Oder zu viel nachdenken. Oder eben zu energisches Handeln. Die verschiedenen Typen dürfen deshalb lernen, auf andere Strategien als auf ihren Favoriten zurückzugreifen. Und wenn das mal nicht klappt … Naja, dann hast du wenigstens eine gute Erklärung für dein „komisches“ Verhalten.

Alles Gute und ganz herzlich, Sabrina

Ich hoffe, mit der Erläuterung der Psychographie konnte ich dir helfen, dich und andere besser zu verstehen. Wie hat dir dieser Text gefallen? Hast du dich selbst oder andere darin erkannt? Findest du die Psychographie einleuchtend? Ich freue mich auf deine Anregungen!

Hast du dich als Beziehungstyp entlarvt? Hier findest du einen Text für mehr Gelassenheit.

Oder hier, da findest du Tipps, dich freier von anderen zu machen!

Oder bist du eher der etwas pessimistische Sachtyp? Dann empfehle ich dir diesen Text.

Oder bist du der Handlungstyp, der gerne mal etwas zu tief in der Arbeit versinkt? Dann schau mal hier vorbei!

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