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Durch das „Tal der Schmerzen“: mein erstes Kung Fu-Training

Kung Fu

Lesezeit: 7 Minuten

Ich war klitschnass. Meine Haare trieften vom Regen, mein Oberteil klebte am Körper, meine Schuhe waren durchgeweicht. Ich war erschöpft. Um nicht zu sagen: Fertig mit der Welt. Was war so anstrengend gewesen? Es waren tatsächlich nicht die Übungen gewesen, sondern das für mich rasend schnelle Joggen vorher und hinterher. Aber der Reihe nach.

Ich hatte mich entschieden, Kung Fu-Training auszuprobieren. Das sollte meine allererste Begegnung mit den sogenannten „Kampfkünsten“ werden. Und Kung Fu war nicht gerade die Einsteiger-Version für Kampfsport-Interessierte. Kung Fu, oder genauer gesagt das sogenannte Shaolin, wird nämlich auch als das „Tal der Schmerzen“ bezeichnet. Klingt einladend, nicht wahr?

Meine erste Begegnung mit dem Shifu

Corona-bedingt trainierten wir an meinem ersten Trainingstag bei dem sogenannten Shifu bzw. Meister zuhause. Ich hatte keinen Plan, was mich erwartet, und war deshalb recht aufgeregt.

Der Shifu wartete auf den Treppenstufen seines Hauses auf mich. Er trug die traditionelle Robe und war noch ziemlich jung. Ich schätzte ihn auf ungefähr mein Alter, also um die 25 rum. Meine Unsicherheit wurde dadurch geschürt, dass er zwar freundlich, aber eher zurückhaltend auf mich wirkte. Ich versuchte, die Zeit durch möglichst viele Fragen zum Training überbrücken.

Er erzählte unter anderem von seinen Angeboten im Altersheim. Über das Qi Gong, das er dort anbot, hatte er wohl echte Fortschritte bei den Senioren bewirkt. „Viele von ihnen“, erzählte er mir, „können mittlerweile wieder gehen, obwohl sie vorher im Rollstuhl gesessen haben. Und sie brauchen nur noch die Hälfte der Tabletten, die sie vor dem Qi Gong benötigt haben.“

Kung Fu und Qi Gong, erklärte er mir, sind eins. Beides zusammen bewirke mentales und körperliches Wohlbefinden. „Ich praktiziere jeden Tag Gesundheit“, sagte er ein bisschen stolz.

Das klingt gut, dachte ich, konnte aber nicht so viel damit anfangen. Ich war beschäftigt mit der für mich eigenartigen Art des Shifus. Irgendwie … Seltsam, fand ich. Ungewohnt. Konnte ich nicht so richtig einordnen. Sein Blick war sehr direkt, als würde ihm nichts entgehen. Ein bisschen so, als könnte er mich lesen. Zugegeben, wohl fühlte ich mich dabei nicht unbedingt.

Das Aufwärmen

Endlich kam ein weiterer Schüler. Wir trainierten heute zu dritt, wie ich erfuhr, was natürlich wieder Corona geschuldet war. Mein Mitschüler hatte auch erst vor ein paar Wochen angefangen, was mich ein bisschen beruhigte.

Ich hatte mit allem gerechnet, von einer übelst gestählten Männertruppe bis hin zu einem gemäßigtem Seniorenclub-Treffen. So aber war das für mich eine gute Mitte, mit der ich umzugehen wusste. Dachte ich.

Wir wärmten uns mit einer sogenannten Gelenkmobilisation und Streckübungen auf. Hier nutzte der Shifu Wörter, die ich nicht einordnen konnte, aber ich vermutete, dass er auf chinesisch zählte.

Anschließend liefen wir ein Stück – eine zwar relativ kurze Strecke, die aber jede Menge „Berge“ und sogar einen richtigen Hang beinhaltete. Und in einem Tempo, das mich heillos überforderte.

Eigentlich dachte ich, dass Laufen für mich nicht so das Problem darstellt. Falsch gedacht. Nach kurzer Zeit hatte ich mich so übernommen, dass ich anhalten musste und in Gedanken schon zickig wurde. Das fängt ja bombastisch an!, dachte ich. Wie lange wollen die denn noch so schnell laufen?!

Die Grundhaltungen im Kung Fu: Mǎ Bù, Gōng Bù, …

Zum Glück waren wir in dem Moment auch schon da. Wir trainierten auf einer hoch gewachsenen Wiese nahe einem Waldstück mit ziemlich genialem Ausblick.

Ich war überrascht. Zwar hatte der Shifu angekündigt, dass wir woanders trainieren würden, aber ich hatte zumindest damit gerechnet, meine Wasserflasche mitnehmen zu können – ebenfalls falsch gedacht. Es warteten also noch ungefähr 2,5h körperlich anstrengendes Training ohne Wasser auf mich! Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Das sogenannte Mǎ Bù

Auf der Wiese zeigte uns der Shifu die ersten Grundhaltungen. Erst „trocken“, also noch auf dem Fleck.

Die erste Haltung war das Mǎ Bù, eine Art Goddess Pose vom Yoga. Ein mehr als hüftbreiter Stand, die Knie sind nach Möglichkeit um 90° gebeugt und die Füße zeigen leicht nach außen. Die Arme sind nach vorne ausgestreckt und umgreifen einen großen, imaginären Energieball.

Der Schlag im Gōng Bù

Die zweite Haltung war das Gōng Bù, das mich ein bisschen an eine Kombination vom ersten und zweiten Krieger im Yoga erinnert.

Das erste Bein befindet sich ebenfalls im 90°-Winkel, während das hintere Bein lang gestreckt wird. Die Hände zeigen nach vorne und sind geöffnet, ein bisschen so, als würde man wie ein Pantomime-Männchen an einen imaginären Spiegel fassen.

… und Pǔ Bù

Und das Pǔ Bù

Soweit so gut. Aber die dritte Haltung forderte mir einiges ab. Meine Gelenke waren nicht begeistert, als wir ins Pǔ Bù wechselten. Auch diese Haltung kannte ich vom Yoga, hatte sie aber nicht gemocht und deshalb nur sehr selten praktiziert.

Auf der einen Seite gehst du richtig schön runter in die Knie, während du das andere Bein gerade ausstreckst. Dehnt gut, besonders bei jemandem wie mir, die beintechnisch etwas flexibler sein könnte.

Nach den Trockenübungen führten wir diese Haltungen im Gehen aus. Haltung – Schritt – Haltung. Bald erweiterten wir sie mit dazugehörigen Armtechniken, die meistens mit einer geballten Faust einhergingen. So bewegten mein Mitschüler und ich uns Stück für Stück auf der Wiese vorwärts, bis der Shifu uns zurückdirigierte. Er zählte wieder auf chinesisch – kurze ausgestoßene, fremdartige Laute.

Kung Fu: Energie des Körpers …

Mit jedem Laut mussten wir in die geforderte Haltung kommen. Es hatte etwas Militärisches – aber auch etwas Befreiendes, weil ich in dem Moment einfach funktionierte. Alles – mein Körper, mein Geist, meine Energie – sammelten sich in den Haltungen.

Je häufiger ich es machte, je mehr ich mich darauf einlassen konnte, umso mehr spürte ich meine Kraft und Energie. Meinen Fokus. Meinen absoluten Ernst bei der Sache. Alles an mir war darauf fokussiert, und ich spürte, wie die Haltungen meinem Körper Stärke einflößten, obwohl sie anstrengend waren. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, will ich dieses Gefühl wieder erleben.

Anschließend zeigte uns der Shifu noch mehrere Tritttechniken. Mir wurde langsam klar, wie beinlastig das Kung Fu ist. Und eine gute Flexibilität ist nur von Vorteil und war bei mir entsprechend noch ziemlich ausbaufähig.

So schaffte ich es oftmals nicht, gegen meine ausgestreckte Hand zu treten wie eigentlich gefordert. Aber ich machte so gut mit, wie es mir möglich war. Insgesamt fand ich die Übungen in Ordnung – sie forderten mich, aber überforderten mich nicht so wie das Laufen.

… und des Geistes spüren

Nach dem anstrengenden körperlichen Teil folgte eine kurze Qi Gong-Einführung. Dazu legte der Shifu seine Hand auf eine nahegelegene Parkbank und forderte uns auf, sie so stark wie möglich festzuhalten. Er sollte nicht „entkommen“ können.

Gesagt, getan. Zuerst versuchte der Shifu, sich aus unserem Griff mit Kraft zu befreien, was ihm dank des Schraubstockgriffs meines Partners kaum gelang. Beim nächsten Versuch hingegen konnte er sich plötzlich losreißen.

Ich war wenig überzeugt. Vielleicht hatte er am Anfang ja nur so getan, als wollte er entkommen? „Ich habe jetzt mein Qi benutzt“, sagte er. „Das heißt, ich konzentriere mich nicht mehr auf die gefesselte, sondern auf die freie Hand. Hier leite ich meine Energie hin.“ Auch ein paar weitere Male konnte er sich mit dieser Technik losreißen.

Unglaubwürdig, komisch, abgefahren? Ich wollte das auch unbedingt probieren. Zuerst versuchte ich mit Kraft, dem Griff zu entkommen, was mir überhaupt nicht glückte. Im zweiten Versuch leitete ich meine Konzentration dann auf die freie Hand.

Und tatsächlich: Ich konnte mich fix von den Griffen vier starker Männerhände, die mich an diese Parkbank fesseln wollten, befreien! Ich war begeistert.

Qi Gong: Unerschütterliche Geisteskraft trainieren

Wir probierten diese Techniken auch in anderen Haltungen, sowohl in der „Goddess“ bzw. Mǎ Bù-Position als auch im Liegen. Hierbei geht es darum, durch deine Geisteskraft an Ort und Stelle zu bleiben, statt dich zu befreien. Dein Partner versucht hingegen, dich wegzudrücken.

In der stehenden Position konnte ich kurzzeitig dem Druck meines Partners widerstehen. Das war ein für mich total neues, ganz fremdartiges Geistestraining.

Du „gräbst Wurzeln“. Konzentrierst dich also auf das Gefühl deines Standes statt auf den Druck deines Partners. Es ist eine Art von Meditation. Du spürst den Untergrund unter dir und fixierst dich nur darauf. Vergräbst dich in die Erde. Wie ein Baum. Du bist stark. Ausdauernd. Diszipliniert. Unerschütterlich.

Körperliche und geistige Perfektion durch Kung Fu

Lange konnte ich es aber nicht halten, denn dann rutschte meine Aufmerksamkeit wieder nach oben zum Druck der Hände und schwupps!, verlor ich den Halt. Aber das war ja nur der Anfang.

Ich bekam ein Vorstellungsvermögen dafür, was jahrelange Qi Gong-Übungen für gravierende Auswirkungen auf Geist und Körper haben mussten. Wie sie beides perfektionieren können.

Ein bisschen besser konnte ich das Gefühl nachspüren, dass ich mir anhand der Dokus ausgemalt hatte, die ich vorab gesehen hatte. Von Shaolin-Kriegern, die scheinbar wilde Bewegungen ausführen und dabei doch so gezielt, wendig und diszipliniert wirken.

Von Schülern, die Treppen heraufstürmen, um sie anschließend in der Liegestütz-Position wieder herunterzukrabbeln. Von Mönchen, die mit ihrem Mund einen ganzen Tisch von A nach B tragen. Und und und.

Faszination Energie

Qi Gong trägt dazu bei, die eigene Energie kennenzulernen und zu nutzen. In einem Vortrag eines Shaolin-Mönches hatte ich gesehen, dass Kung-Fu-Krieger ihre Gefühlswelt unter Kontrolle halten und sich im wahrsten Sinne des Wortes selbst glücklich machen.

Auf einer energetischen „Wohlbefindensskala“ von 1 bis 10 arbeiten sie jeden Tag daran, die 10 zu erreichen. Wer von uns „Normalsterblichen“ kann das schon von sich behaupten?

Aber zurück zum Training: Am faszinierendsten fand ich, dass der Shifu die Energie meines Mitschülers wahrnehmen kann. Der sollte sich wie zuvor auch im Boden verwurzeln. Weder der Shifu noch ich konnten ihn wegdrücken.

Aber dann wandte der Shifu einen Trick an: „Ich spüre seine Energie. Da, wo seine Wurzeln sind. Ich gehe noch tiefer, unter diese Wurzeln, und reiße sie aus.“ Und tatsächlich fiel mein Mitschüler um. Das fand ich persönlich mit Abstand am abgefahrensten. Gedanken- oder Energieübertragung eben. Oder so was in der Art.

Der Rückweg

Es fing an zu regnen, und zwar ziemlich heftig. Ich hatte Wasser ja gewollt – aber nicht unbedingt vom Himmel. Wir drei waren nach kurzer Zeit von oben bis unten komplett durchgeweicht und dreckig von den Übungen im Liegen. Durch meine Brille konnte ich überhaupt nichts mehr sehen und ich kühlte rasch aus.

Wir joggten zurück, wieder in einem Tempo, das ich nicht halten konnte. Als es einen steilen Hang hinaufging, gab ich auf. Der Shifu fragte mich freundlicherweise, ob es noch ging – ich sagte ja, aber nicht in dem Tempo. So lief ich größtenteils zum Schluss mein eigenes, wesentlich langsameres Tempo, und das hielt ich auch durch.

Wir verabschiedeten uns vor dem Haus des Shifus und machten das nächste Training in ein paar Tagen aus. Ich kann nicht sagen, dass ich mich allein in der Gegenwart des Shifus wirklich wohlfühlte – er wirkte trotz seiner Freundlichkeit reserviert, geradezu unberührbar.

Ich hatte wie am Anfang ein bisschen das Gefühl, wie eine Brandung auf einen unerschütterlichen Fels aufzuschlagen. Oder wie ein auf ein Riff aufgelaufenes Boot. Trotzdem glaube ich, dass er mich sympathisch findet.

Kung Fu: mein Fazit

Meine Meinung war zweigeteilt über das Training. Ich hatte sehr viel zu verarbeiten und war mir unsicher, was ich davon halten sollte. Nichtsdestotrotz war ich nach wie vor fasziniert von der Stärke und Disziplin, der Unerschütterlichkeit, die der etwas eigenartige Shifu ja auch irgendwie optimal verkörpert.

Und ja, ich hatte Blut geleckt. Sowohl an dem körperlichen Training, das mir ein Gefühl der Stärke einflößte, als auch an dem mentalen, das mich erdete und von dem ich intuitiv spürte, dass es mir guttat.

Ich möchte diese Einheit aus Körper und Geist spüren. Ich will tiefer eintauchen in die körperliche und geistige Energie, das Qi, das ich wahrnehmen durfte. Es besser kennenlernen und vielleicht eines Tages sogar kontrollieren können. Ich will mehr darüber lernen, mehr Erfahrungen sammeln. Ich bin weiterhin dabei. Und du?

Herzlich, Sabrina

Was ziehst du aus diesem Text? Willst du jetzt auch mal Kung Fu ausprobieren? Reizen dich die Kampfkünste? Oder hast du einen anderen Weg zum Ausgleich gefunden? Bist du vielleicht noch auf der Suche nach deinem Ausgleich? Ich freue mich auf deine Nachricht!

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